Der Irre von Georg Heym"

Der Wärter gab ihm seine Sachen, der Kassierer händigte ihm sein Geld aus, der Türsteher schloß vor ihm die große eiserne Tür auf. Er war im Vorgarten, er klinkte die Gartenpforte auf, und er war draußen.

So, und nun sollte die Welt etwas erleben.

Er ging die Straßenbahnschienen entlang, zwischen den niedern Häusern der Vorstadt durch. Er kam an einem Feld vorbei und warf sich an seinem Rande in die dicken Mohnblumen und den Schierling. Er verkroch sich ganz darin, wie in einen dicken grünen Teppich. Nur sein Gesicht schien daraus hervor wie ein weißer aufgehender Mond. So, nun saß er erst einmal.

Er war also frei. Es war aber auch höchste Zeit, daß sie ihn herausgelassen hatten, denn sonst hätte er alle umgebracht, alle miteinander. Den dicken Direktor, den hätte er an seinem roten Spitzbart gekriegt und ihn unter die Wurstmaschine gezogen. Ach, was war das für ein widerlicher Kerl. Wie der immer lachte, wenn er durch die Fleischerei kam.

Teufel, das war ein ganz widerwärtiger Kerl.

Und der Assistenzarzt, dieses bucklige Schwein, dem hätte er nochmal das Gehirn zertreten. Und die Wärter in ihren weiß gestreiften Kitteln, die aussahen wie eine Bande Zuchthäusler, diese Schufte, die die Männer bestahlen und die Frauen auf den Klosetts vergewaltigten. Das war ja rein zum Verrücktwerden.

Und er wußte wirklich nicht, wie er da seine Zeit ausgehalten hatte. Drei Jahre oder vier Jahre, wie lange hatte er da eigentlich gesessen, da hinten in diesem weißen Loch, in diesem großen Kasten, mitten unter Verrückten. Wenn er da morgens in die Fleischerei ging, über den großen Hof, wie sie da herumlagen und die Zähne fletschten, manche halb nackt. Dann kamen die Wärter und schleppten die fort, die sich besonders schlecht aufführten. Sie wurden in heiße Bäder gesteckt. Da war mehr wie einer verbrüht worden, mit Absicht, das wußte er. Einmal wollten die Wärter einen Toten in die Fleischerei bringen, daraus sollte Wurst gemacht werden. Das sollten sie dann zu essen bekommen. Er hatte es dem Arzt gesagt, aber der hatte es ihm ausgeredet. So, der hatte also mit unter der Decke gesteckt. Dieser verfluchte Hund. Wenn er ihn jetzt hier hätte. Den würde er in das Korn schmeißen, und ihm die Gurgel abreißen, diesem verfluchten Schwein, diesem Sauhund, verfluchten.

Überhaupt, warum hatten sie ihn eigentlich in die Anstalt gebracht? Doch nur aus Schikane. Was hatte er denn weiter gemacht? Er hatte seine Frau ein paarmal verhauen, das war doch sein gutes Recht, er war doch verheiratet. Auf der Polizei hätte man seine Frau rausschmeißen sollen, das wäre viel richtiger gewesen. Statt dessen hatten sie ihn vorgeladen, verhört, lauter Theater mit ihm aufgestellt. Und eines Morgens war er überhaupt nicht mehr fortgelassen worden. Sie hatten ihn in einen Wagen gepackt, hier draußen war er abgeladen worden. So eine Ungerechtigkeit, so eine Unverschämtheit.

Und wem hatte er das alles zu verdanken? Doch nur seiner Frau. So, und mit der würde er jetzt abrechnen. Die stand noch hoch im Konto.

Er riß in seiner Wut von dem Feldrande ein Büschel Kornähren ab und schwenkte es wie einen Stock in der Hand. Dann stand er auf, und nun wehe ihr.

Er nahm das Bündel mit seinen Sachen über seine Schultern, dann setzte er sich wieder in Marsch. Aber er wußte nicht recht, wo er hingehen sollte. Ganz hinten über den Feldern rauchte ein Schornstein. Den kannte er, der war nicht weit von seiner Wohnung.

Er verließ die Straße und bog in die Felder ab, mitten hinein in die Halme. Geradewegs auf sein Ziel zu. Was das für ein Vergnügen war, so in die dicken Halme zu treten, die unter seinem Fuß knackten und barsten.

Er machte die Augen zu, und ein seliges Lächeln flog über sein Gesicht.

Es war ihm, als wenn er über einen weiten Platz ginge. Da lagen viele, viele Menschen, alle mit dem Kopfe auf der Erde. Es war so, wie auf dem Bild in der Wohnung des Direktors, wo viele tausend Leute in weißen Mänteln und Kapuzen vor einem großen Stein lagen, den sie anbeteten. Und dies Bild hieß Kaaba. »Kaaba, Kaaba«, wiederholte er bei jedem Schritt. Er sagte das wie eine mächtige Beschwörungsformel, und jedesmal trat er dann rechts und links um sich auf die vielen weißen Köpfe. Und dann knackten die Schädel; es gab einen Ton, wie wenn jemand eine Nuß mit einem Hammer entzweihaut.

Manche klangen ganz zart, das waren die dünnen, das waren die Kinderschädel. Da gab es einen Ton wie Silber, leicht, luftig wie eine kleine Wolke. Manche wieder schnarrten, wenn man auf sie trat, ähnlich wie Waldteufel. Und dann kamen ihre roten, flatternden Zungen aus dem Munde heraus, wie es bei den Gummibällen war. Ach, es war wunderschön.

Manche waren so weich, daß man gleichsam einsank. Sie blieben an den Füßen kleben. Und so ging er mit zwei Schädeln an den Beinen dahin, als wäre er eben aus zwei Eierschalen ausgekrochen, die er noch nicht ganz abgeschüttelt hatte.

Am meisten freute es ihn aber, wenn er irgendwo den Kopf von einem alten Manne sah, kahl und blank, wie eine marmorne Kugel. Da setzte er erst ganz vorsichtig auf und wippte erst ein paarmal zur Probe, so, so, so. Und dann trat er zu, knax, daß das Gehirn ordentlich spritzte, wie ein kleiner goldener Springbrunnen.

Allmählich wurde er müde. Er erinnerte sich plötzlich an den Verrückten, der glaubte, er hätte gläserne Beine, und er könnte nicht laufen. Er hatte den ganzen Tag auf seinem Schneidertisch gesessen, aber die Wärter hatten ihn immer erst hintragen müssen. Allein war er keinen Schritt gegangen. Wenn sie ihn auf seine Beine stellten, ging er einfach nicht weiter. Dabei waren seine Beine ganz gesund, das sah doch jeder. Sogar auf das Klosett war er nicht einmal allein gegangen, nein, wie einer doch so verrückt sein konnte. Das war ja zum Lachen.

Neulich war der Pfarrer zu Besuch gewesen, und da hatte er mit ihm über den Verrückten gesprochen: »Sehen Sie mal, Herr Pastor, der da, der Schneider, der ist doch zu verrückt. So ein dämliches Aas!« Und da hatte der Pastor gelacht, daß die Wände gewackelt hatten.

Er trat aus den Halmen heraus, allenthalben klebte Stroh an seinem Anzug und an seinem Haar. Sein Kleiderbündel hatte er unterwegs verloren. Die Ähren trug er noch in seiner Hand, und er schwenkte sie vor sich her wie eine goldene Fahne. Er marschierte stramm aus. Rechten, Linken, Speck und Schinken, summte er vor sich hin. Und die Kletten, die an seiner Hose saßen, flogen in weiten Bögen ab.

Abteilung halt, kommandierte er. Er steckte seine Fahne in den Sand des Feldwegs und warf sich in den Graben.

Plötzlich bekam er vor der Sonne Angst, die auf seine Schläfe brannte. Er glaubte, sie wollte über ihn herfallen, und steckte sein Gesicht tief in das Gras hinein. Dann schlief er ein.

Kinderstimmen weckten ihn auf Neben ihm standen ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen. Als sie sahen, daß der Mann aufgewacht war, liefen sie weg.

Er bekam eine furchtbare Wut auf diese beiden Kinder, er wurde im Gesicht rot wie ein Krebs.

Mit einem Satze sprang er auf und lief den Kindern nach. Als die seine Schritte hörten, fingen sie an zu schreien und liefen schneller. Der kleine Junge zog sein Schwesterchen hinter sich her. Das stolperte, fiel hin und fing an zu weinen.

Und weinen konnte er überhaupt nicht vertragen.

Er holte die Kinder ein und riß das kleine Mädchen aus dem Sande auf. Es sah das verzerrte Gesicht über sich und schrie laut auf. Auch der Junge schrie und wollte fortlaufen. Da bekam er ihn mit der andern Hand zu packen. Er schlug die Köpfe der beiden Kinder gegeneinander. Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei, zählte er, und bei drei krachten die beiden kleinen Schädel immer zusammen wie das reine Donnerwetter. Jetzt kam schon das Blut. Das berauschte ihn, machte ihn zu einem Gott. Er mußte singen. Ihm fiel ein Choral ein. Und er sang:

»Ein feste Burg ist unser Gott,
Ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not,
Die uns jetzt hat betroffen.
Der alte, böse Feind,
Mit Ernst er's jetzt meint,
Groß Macht und viel List
Sein grausam Rüstung ist,
Auf Erd ist nicht sein'sgleichen.«


Er akzentuierte die einzelnen Takte laut, und bei jedem ließ er die beiden kleinen Köpfe aufeinanderstoßen, wie ein Musiker, der seine Becken zusammenhaut.

Als der Choral zu Ende war, ließ er die beiden zerschmetterten Schädel aus seinen Händen fallen. Er begann wie in einer Verzückung um die beiden Leichen herumzutanzen. Dabei schwang er seine Arme wie ein großer Vogel, und das Blut daran sprang um ihn herum wie ein feuriger Regen.

Mit einem Male schlug seine Stimmung um. Ein unbezwingliches Mitleid mit den beiden armen Kindern schnürte ihm von innen heraus fast den Hals ab. Er hob ihre Leichname aus dem Staub des Weges und schleppte sie in das Korn hinüber. Er wischte mit einer Handvoll Unkraut das Blut, das Gehirn und den Schmutz aus dem Gesicht und setzte sich zwischen die beiden kleinen Leichen. Dann nahm er ihre Händchen in seine Faust und streichelte sie mit blutigen Fingern.

Er mußte weinen, große Tränen liefen langsam über seine Backen hinunter.

Ihm kam der Gedanke, daß er vielleicht die Kinder wieder zum Leben bringen könnte. Er kniete sich über ihre Gesichter und blies seinen Atem in die Löcher ihrer Schädel. Aber die Kinder rührten sich nicht. Da dachte er, es wäre vielleicht noch nicht genug, und wiederholte den Versuch. Aber auch dieses Mal war es nichts. »Na denn eben nicht«, sagte er, »tot ist tot.«

Nach und nach kamen unzählige Mengen von Fliegen, Mücken und anderem Ungeziefer aus den Feldern heraus, hinter dem Blutgeruch her. Sie schwebten wie eine dichte Wolke über den Wunden. Ein paarmal machte er den Versuch, sie fortzutreiben. Als er aber selbst gestochen wurde, wurde ihm die Sache zu unbequem. Er stand auf und ging fort, während sich die Insekten in einem dicken schwarzen Schwarm auf die blutigen Löcher der Schädel stürzten.

Ja, wo nun hin?

Da fiel ihm seine Aufgabe wieder ein. Er hatte ja mit seiner Frau abzurechnen. Und im Vorgefühl seiner Rache leuchtete sein Gesicht wie eine purpurne Sonne.

Er bog in eine Landstraße ein, die auf die Vorstadt zuführte.

Er sah sich um.

Die Straße war leer. In der Ferne verlor sich der Weg. Oben auf einem Hügel hinter ihm saß ein Mann vor einem Leierkasten. Jetzt kam über den Hügel eine Frau herauf, die einen kleinen Handwagen hinter sich herzog.

Er wartete, bis sie heran war, ließ sie an sich vorbei und ging ihr nach.

Er glaubte, sie zu kennen. War das nicht die Grünkramfritzen von der Ecke? Er wollte sie ansprechen, aber er schämte sich. Ach, die denkt, ich bin ja der Verrückte aus Nr. 17. Wenn die mich wiedererkennt, die lacht mich ja aus. Und ich lasse mich nicht auslachen, zum Donnerwetter. Eher schlage ich ihr den Schädel ein.

Er fühlte, daß in ihm wieder die Wut aufkommen wollte. Er fürchtete sich vor dieser dunklen Tollheit. Pfui, jetzt wird sie mich gleich wieder haben, dachte er. Ihn schwindelte, er hielt sich an einem Baum und schloß die Augen.

Plötzlich sah er das Tier wieder, das in ihm saß. Unten zwischen dem Magen, wie eine große Hyäne. Hatte die einen Rachen. Und das Aas wollte raus. Ja, ja, du mußt raus.

Jetzt war er selber das Tier, und auf allen Vieren kroch er die Straße entlang. Schnell, schnell, sonst läuft sie weg. Wie die laufen kann, aber so eine Hyäne ist doch schneller.

Er bellte laut wie ein Schakal. Die Frau sah sich um. Als sie da einen Mann auf Händen und Füßen hinter sich herlaufen sah, das wirre Haar in dem dicken Gesicht, weiß von Staub, da ließ sie ihren Wagen stehen und laut schreiend rannte sie die Straße hinunter.

Da sprang das Tier auf. Wie ein Wilder war es hinter ihr her. Seine lange Mähne flog, seine Krallen schlugen in die Luft, und aus seinem Rachen hing seine Zunge heraus.

Jetzt hörte es schon den Atem der Frau. Die keuchte, schrie und jagte davon, was sie konnte. So, noch ein, zwei Sätze. Nun springt das Tier ihr auf den Hals mitten hinauf.

Die Frau wälzt sich im Sand, das Tier schmeißt sie herum. Hier ist die Kehle, da ist das beste Blut; man trinkt immer aus der Kehle. Es haut seinen Rachen in ihre Gurgel und saugt das Blut aus ihrem Leibe. Pfui Teufel, ist das aber schön.

Das Tier läßt die Frau liegen und springt auf. Da oben kommt noch einer. Ist der aber dumm. Der merkt ja gar nicht, daß hier Hyänen sitzen. So ein Idiot, na.

Der alte Mann kam heran. Als er nahe war, sah er aus seiner großen Brille die Frau, die im Sande lag mit ihren verrutschten Röcken und ihren Knien, die sie im Todeskampf auf den Leib gezogen hatte. Auch um ihren Kopf war eine große Blutlache.

Er blieb neben der Frau stehen, starr vor Bestürzung. Da teilten sich die hohen Kornblumen, und heraus kam ein Mann, verwüstet und zerrissen. Sein Mund war ganz voll Blut.

»Das ist sicher der Mörder«, dachte der alte Mann.

In seiner Angst wußte er nicht recht, was er machen sollte. Sollte er fortlaufen oder sollte er stehen bleiben?

Am Ende wollte er es zuerst einmal mit Freundlichkeit versuchen. Denn mit dem da war es doch nicht ganz richtig, das sah man ja.

»Guten Tag«, sagte der Verrückte.

»Guten Tag«, antwortete der alte Mann, »das ist ja ein schreckliches Unglück.«

»Ja, ja, das ist ein schreckliches Unglück, da haben Sie ganz recht«, sagte der Verrückte. Seine Stimme zitterte.

»Aber ich muß weitergehen. Entschuldigen Sie nur.«

Und der alte Mann ging zuerst ein paar Schritte langsam. Als er etwas weiter fort war und merkte, daß der Mörder ihm nicht nachlief, ging er schneller. Und endlich fing er an zu rennen wie ein kleiner Junge.

»Nein, sieht der komisch aus, wie der da rennt. Ist das ein verrücktes Haus.« Und der Irre lachte über das ganze Gesicht, das Blut zog sich in den Falten zusammen. Er sah aus wie ein furchtbarer Teufel.

Aber schließlich, mochte der laufen. Der hatte ja ganz recht. Er würde es auch so machen. Denn hier konnten gleich wieder die Hyänen aus dem Korn kommen.

»Aber pfui, bin ich schmutzig.« Er besah sich. »Wo kommt denn das viele Blut her?«

Und er riß der Frau ihre Schürze ab und wischte sich das Blut ab, so gut es ging.

Sein Gedächtnis verlor sich. Er wußte zuletzt nicht mehr, wo er war. Er ging wieder querfeldein, über Feldwege, durch Felder, im brennenden Mittag. Er erschien sich wie eine große Blume, die durch die Felder wandert. Etwa eine Sonnenrose. Genau konnte er es nicht erkennen.

Er fühlte Hunger.

Später fand er einen Rübenacker, er riß ein paar Rüben heraus und aß sie.

In einem Felde stieß er auf einen Weiher.

Der lag da wie ein großes schwarzes Tuch mitten in dem Gold des Kornes.

Er bekam Lust, zu baden, zog sich aus und stieg in das Wasser. Wie das gut tat, wie das ruhig machte. Er atmete den Duft des Wassers, über dem die Würze der weichen sommerlichen Felder lag. »Ach, Wasser, Wasser«, sagte er leise, als wenn er jemand rufen wollte. Und nun schwamm er wie ein großer weißer Fisch in dem zitternden Teich.

Am Ufer flocht er sich eine Krone aus dem Schilf und besah sich im Wasser. Dann sprang er am Ufer herum und tanzte nackt in der weißen Sonne, groß, stark und schön wie ein Satyr.

Plötzlich kam ihm der Gedanke, daß er etwas Unanständiges täte. Er zog sich schnell an, machte sich klein und kroch in das Korn.

»Wenn jetzt der Wärter kommt und mich hier findet, der wird schön schimpfen, der zeigt das dem Direktor an«, dachte er. Als aber niemand kam, faßte er wieder Mut und setzte seinen Weg fort.

Mit einem Male stand er vor einem Gartenzaun. Dahinter waren Obstbäume. Wäsche war daran zum Trocknen aufgehängt, Kinder schliefen dazwischen. Er ging daran entlang und trat auf eine Straße.

Da waren ziemlich viele Menschen, die an ihm vorübergingen, ohne auf ihn zu achten. Eine elektrische Bahn fuhr vorbei.

Ihn überkam das Gefühl einer grenzenlosen Verlassenheit, das Heimweh packte ihn mit aller Gewalt. Am liebsten wäre er auf der Stelle nach der Anstalt zurückgelaufen. Aber er wußte nicht, wo er war. Und wen sollte er fragen? Er konnte doch nicht sagen: »Sie, wo ist denn die Irrenanstalt?« Dann würde er sicher für einen Verrückten gehalten werden, und das ging denn doch nicht.

Und er wußte ja auch, was er wollte. Er hatte ja noch viel zu erledigen.

An der Ecke der Straße stand ein Schutzmann. Der Irre beschloß, den nach seiner Straße zu fragen, traute sich aber nicht recht. Schließlich konnte er aber doch nicht ewig hier stehen bleiben. Er ging also auf den Schutzmann los. Plötzlich merkte er, daß auf seiner Weste noch ein großer Blutfleck war.

Na, den durfte der Schutzmann aber nicht zu sehen kriegen. Und er knöpfte seinen Rock zu. Er überlegte, was er sagen wollte, Wort für Wort, wiederholte es sich ein paarmal.

Es lief alles gut ab. Er nahm den Hut ab, fragte nach seiner Straße, der Schutzmann wies ihn hin.

Das ist ja gar nicht einmal weit, dachte er. Und nun kannte er auch die Straßen wieder. Hatten die sich aber verändert, jetzt fuhr hier sogar schon die Elektrische.

Er machte sich auf den Weg, er schlich an den Häusern entlang; wenn ihm jemand begegnete, kehrte er sein Gesicht nach der Wand. Er schämte sich.

So kam er vor sein Haus. Vor der Türe spielten Kinder, die ihn neugierig ansahen. Er ging die Stiege hinauf Überall roch es nach Essen. Er schlich auf den Zehenspitzen weiter. Als er unter sich eine Tür gehen hörte, zog er auch noch die Schuhe aus.

Nun war er vor seiner Tür. Er setzte sich einen Augenblick auf die Treppe und überlegte. Denn jetzt war der große Moment da. Und was geschehen mußte, mußte geschehen, das war gar keine Frage.

Er stand auf und klingelte. Alles blieb still. Er ging ein paarmal auf dem Treppenflur hin und her.

Er las das Schild gegenüber. Da wohnten nun auch andere Leute. Und nun ging er wieder zurück und klingelte noch einmal. Aber es kam wieder niemand. Er bückte sich, um durch das Schlüsselloch zu sehen, da war aber alles schwarz. Er legte sein Ohr an die Tür, um irgend etwas zu hören, vielleicht einen Schritt, ein Geflüster, es blieb aber alles stumm.

Und nun kam ihm ein Gedanke. Mit einem Male wußte er, warum ihm niemand aufmachte. Seine Frau hatte Angst vor ihm, seine Frau, die hatte keine Traute. Das Aas, das wußte schon, was los war. Na, nu aber.

Er trat ein paar Schritte zurück. Seine Augen wurden ganz klein, wie rote Punkte. Seine niedere Stirn lief noch mehr zusammen. Er krümmte sich zusammen. Und nun sprang er in einem großen Satz gegen die Tür. Die krachte laut, hielt aber den Stoß aus. Da schrie er aus allen Kräften und sprang noch einmal. Und dieses Mal gab die Tür nach. Ihre Bretter krachten, das Schloß sprang aus, sie ging auf, und er stürzte hinein.

Da sah er eine leere Wohnung. Links war die Küche, rechts die Stube. Die Tapete war abgerissen. Überall auf der Diele lag Staub und abgefallene Farbe.

So, seine Frau hatte sich also verkrochen. Er rannte die vier Wände der leeren Stube ab, den kleinen Korridor, das Klosett, die Kammer. Nirgends war etwas, alles leer. In der Küche auch nichts. Da sprang er mit einem Satze auf den Kochherd.

Aber da war sie ja, da lief sie ja herum. Sie sah aus wie eine große graue Ratte. So also sah sie aus. Sie lief immer an der Küchenwand entlang, immer herum, und er riß eine eiserne Platte von dem Ofen und warf sie nach der Ratte. Aber die war viel flinker. Aber jetzt, jetzt wird er sie treffen. Und er warf noch einmal. Aber jetzt. Und das Bombardement der eisernen Herdringe krachte gegen die Wände, daß der Staub überall herunterrasselte.

Er fing an zu schreien. Er brüllte wie besessen: »Du Schlafburschenhure, du Sau, du ... « Er brüllte, daß das ganze Haus zitterte.

Überall klapperten die Türen, überall entstand Lärm. Jetzt kam es schon die Treppe herauf.

Da standen schon zwei Männer in der Tür und dahinter ein Haufen von Frauen, die an ihren Schürzen ein ganzes Bataillon kleiner Kinder nachzogen.

Sie sahen den Tobenden oben auf seinem Herd. Die beiden Männer sprachen sich gegenseitig Mut zu. Da flog dem einen ein Feuerhaken gegen den Schädel, der andere wurde zu Boden geschmissen, und mit ein paar großen Sätzen sprang der Irrsinnige wie ein riesiger Orang-Utan mitten über das Volk hinweg. Er raste die Treppen hinauf, kam an die Bodenleiter, schwang sich auf das Dach, kroch über ein paar Mauern, um Schornsteine, verschwand in einer Luke, stürzte eine Treppe hinunter und befand sich plötzlich auf einem grünen Platz. Eine leere Bank stand vor ihm. Er ließ sich auf sie niederfallen, steckte das Gesicht in seine Hände und begann leise vor sich hin zu weinen.

Er hatte das Bedürfnis, zu schlafen. Als er sich auf der Bank langlegen wollte, sah er aus einer Straße, geführt von ein paar Schutzleuten wie von Generälen, einen großen Haufen Menschen kommen.

»Die wollen mich wohl suchen, ich soll wieder raus nach der Anstalt. Sie denken wohl, ich weiß nicht allein, was ich zu tun habe«, dachte er.

Er verließ schnell den Park. Seine Mütze blieb auf der Bank liegen. Und von fern sah er noch, wie sie einer der Männer gleich einer Trophäe in der Luft herumschwenkte.

Er kam durch ein paar volle Straßen, über einen Platz, wieder durch Straßen. Ihm wurde unbehaglich in den Menschenmassen. Er fühlte sich beengt, er suchte nach einem stillen Winkel, wo er sich hinlegen konnte. In einem Hause war ein großes Hoftor. Davor stand ein Mann in einer braunen Livree mit goldenen Knöpfen. Sonst schien da aber niemand zu sein. Er ging an dem Diener vorbei, der ihn auch ruhig passieren ließ. Das wunderte ihn eigentlich. Kennt er mich denn nicht, fragte er sich. Und er fühlte sich eigentlich beleidigt.

Er kam an eine Tür, die sich fortwährend drehte. Auf einmal wurde er von einem Türflügel erfaßt, bekam einen Stoß und war plötzlich in einer weiten Halle.

Da waren unzählige Tische, voll Spitzen, Kleidern. Alles schwamm in einem goldigen Lichte, das sich durch hohe Fenster in der Dämmerung des riesigen Raumes verteilte. Von der Decke hing ein riesiger Kronleuchter, glitzerten zahllose Diamanten.

An der Seite der Halle führten große Freitreppen hinauf, über die einzelne Menschen hinauf und herunter stiegen.

»Donnerwetter, ist das eine feine Kirche«, dachte er. An den Gängen standen Herren in schwarzen Anzügen, Mädchen in schwarzen Kleidern. Hinter einem Pulte saß eine Frau, vor ihr zählte jemand Geld auf. Ein Stück fiel hinunter und klapperte auf der Erde.

Er stieg die Treppe hinauf, kam durch viele große Gemächer voll allerhand Möbeln, Geräten, Bildern. In einem waren viele Uhren aufgestellt, die alle mit einem Male schlugen. Hinter einem großen Vorhang ertönte ein Harmonium, eine schwermütige Musik, die sich langsam in der Ferne zu verlieren schien. Er schlug den Vorhang verstohlen zurück, da sah er viele Menschen, die einer Spielerin zuhörten. Alle sahen ernst und andächtig aus, und ihm wurde ganz feierlich zumute. Aber er wagte sich nicht hinein.

Er kam an eine vergitterte Tür. Dahinter war ein großer Schacht, in dem einige Seile herauf und herunter zu laufen schienen. Ein großer Kasten kam von unten herauf, das Gitter wurde zurückgezogen. Jemand sagte: »Bitte aufwärts«, er war in dem Kasten und schwebte wie ein Vogel in die Höhe hinauf

Oben begegnete er vielen Menschen, die um große Tische voll von Tellern, Vasen, Gläsern, Gefäßen herumstanden oder sich in den Gängen zwischen einer Reihe von Podien bewegten, auf denen wie ein Feld gläserner Blumen schlanke Kristalle, Leuchter oder bunte Lampen aus gemaltem Porzellan prangten. An der Wand, entlang an diesen Kostbarkeiten, lief, um eine kurze Treppe erhöht, eine schmale Galerie hin.

Er wand sich durch die Massen hindurch, er kam über die Treppe auf die Galerie hinauf. Er lehnte sich an das Geländer, unten sah er die Menschen hinströmen, die wie unzählige schwarze Fliegen mit ihren Köpfen, Beinen und Armen in ewiger Bewegung ein ewiges Summen hervorzubringen schienen. Und eingeschläfert von der Monotonie dieser Geräusche, betäubt von der Schwüle des Nachmittags, krank von den Exaltationen dieses Tages schloß er seine Augen.

Er war ein großer weißer Vogel über einem großen einsamen Meer, gewiegt von einer ewigen Helle, hoch im Blauen. Sein Haupt stieß an die weißen Wolken, er war Nachbar der Sonne, die über seinem Haupte den Himmel füllte, eine große goldene Schale, die gewaltig zu dröhnen begann.

Seine Schwingen, weißer als ein Schneemeer, stark, mit Achsen wie Baumstämme, klafterten über den Horizont, unten tief in der Flut schienen purpurne Inseln zu schwimmen, großen rosigen Muscheln gleich. Ein unendlicher Friede, eine ewige Ruhe zitterte unter diesem ewigen Himmel.

Er wußte nicht, flog er so schnell, oder wurde das Meer unter ihm fortgezogen. Das war also das Meer.

Wenn er das den andern erzählen würde in der Anstalt, heute abend in den Schlafsälen, die würden schön neidisch sein. Darüber freute er sich eigentlich am meisten. Aber dem Doktor wollte er lieber gar nichts erzählen, der würde wieder sagen: »So, so.« Aber der glaubte doch nichts. Das war so ein Halunke. Wenn er auch immer sagte, er glaubte alles.

Unten im Meere schwamm ein großer weißer Kahn mit langsamen Segeln. »Wie einer aus dem Humboldthafen«, dachte er, »aber größer.«

Teufel, was war es doch schön, ein Vogel zu sein. Warum war er nicht schon lange ein Vogel geworden? Und er rollte seine Arme in der Luft herum.

Unter ihm wurden ein paar Frauen auf ihn aufmerksam. Sie lachten. Andere kamen, es entstand ein Gedränge, Ladenmädchen rannten nach dem Geschäftsführer.

Er stieg auf die Brüstung, richtete sich auf und schien oben über der Menge zu schweben.

Unter ihm in dem Ozean war ein riesiges Licht. Er mußte jetzt herabtauchen, jetzt war es Zeit, auf das Meer zu sinken.

Aber da war etwas Schwarzes, etwas Feindliches, das störte ihn, das wollte ihn nicht hinunterlassen. Aber er wird das schon kriegen, er ist ja so stark.

Und er holt aus und springt von der Balustrade mitten in die japanischen Gläser, in die chinesischen Lackmalereien, in die Kristalle von Tiffany.

Da ist das Schwarze, da ist das, - und er reißt ein Ladenmädchen zu sich herauf, legt ihr die Hände um die Kehle und drückt zu.

Und die Menge flieht durch die Gänge, stürzt die Treppen übereinander herab, gellendes Geschrei erfüllt das ganze Haus. »Feuer, Feuer«, wird geschrien. In einem Augenblicke ist die ganze Etage leer. Nur ein paar kleine Kinder liegen vor der Treppentür, totgetreten oder erdrückt.

Er kniet auf seinem Opfer und drückt es langsam zu Tode.

Um ihn herum ist das große goldene Meer, das seine Wogen zu beiden Seiten wie gewaltige schimmernde Dächer türmt. Er reitet auf einem schwarzen Fisch, er umarmt seinen Kopf mit den Armen. Ist der aber dick, denkt er. Tief unter ihm sieht er in der grünen Tiefe, verloren in ein paar zitternden Sonnenstrahlen, grüne Schlösser, grüne Gärten in einer ewigen Tiefe. Wie weit mögen die sein? Wenn er doch einmal da hinunter könnte, dort unten.

Die Schlösser rücken immer tiefer, die Gärten scheinen immer tiefer zu sinken.

Er weint, er wird ja niemals dahinkommen. Er ist nur ein armes Aas. Und der Fisch unter ihm wird auch frech, der zappelt noch, dem Biest wird er es schon besorgen. und er drückt ihm den Hals ab.

Hinter der Tür erschien ein Mann, legte ein Gewehr an die Wange, zielte. Der Schuß traf den Wahnsinnigen in den Hinterkopf. Er schwankte ein paarmal hin und her, dann fiel er schwer über sein letztes Opfer, unter die klirrenden Gläser.

Und während das Blut aus der Wunde schoß, war es ihm, als sänke er nun in die Tiefe, immer tiefer, leise wie eine Flaumfeder. Eine ewige Musik stieg von unten herauf und sein sterbendes Herz tat sich auf, zitternd in einer unermeßlichen Seligkeit.



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